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Die Milliarden-Renovierung von Valencia
Die Stadt des Cups hat sich herausgeputzt: Die beeindruckendste und offensichtlichste Veränderung hat der alte Hafen erfahren. Ein missachtetes, dreckiges Quartier wandelte sich zu einer strahlenden Flaniermeile.
Rita Barberá, Bürgermeisterin von Valencia, fiel am 26.November 2003 mit gutem Grund ihren Mitstreitern im Rathaus in die Arme, als „ihre Stadt“ den Zuschlag für die Austragung des 32.America´s Cup erhielt. Dieser Schachzug sollte dazu beitragen, Valencia als drittgrößte Stadt und politische Kraft Spaniens nachhaltig zu etablieren, gleich nach Madrid und Barcelona. Seit mehr als 15 Jahren verfolgt die energische Spanierin mit der rauchigen Stimme konsequent dieses Ziel, mit Rückenwind ihrer Partei, der christlich-konservativen Partido Popular (PP), die auch bis zum März 2004 von Madrid aus die Macht im ganzen Lande innehatte. Doch wesentlich von der Terrorbedrohung des Landes beeinflusst, kam es zum Regierungswechsel in der Hauptstadt - der Wind blies Barberá und ihrem Valencia plötzlich heftig ins Gesicht. Zwar waren die ehrgeizigen Vorhaben für die Umgestaltung der Stadt mit den Organisatoren des America´s Cup besprochen, die Verträge jedoch noch im Prüfungsstadium ohne Unterschriften. Und so konnte der neue sozialistische Regierungschef in Madrid, José Luis Rodríguez Zapatero, sein Mitspracherecht für die Verwendung der staatlichen Mittel von rund einer Milliarde Euro geltend machen.
Rita Barberá befürchtete das Schlimmste, gar von Boykott war die Rede. Aber auch Zapatero sah die Chancen, die der Wettstreit um die begehrteste und älteste Segeltrophäe der Welt mit sich bringt, das wirtschaftliche Potential und die weltweite Präsenz durch das internationale Medieninteresse. Nach eingehender Prüfung und Korrektur des Projektes, dem unter anderem der geplante Transrapid-Zug zwischen Madrid und der Hafenstadt zum Opfer fiel, gab Madrid mit den entsprechenden Verzögerungen die Umbauarbeiten in der mehr als 2000 Jahre alten Stadt frei.
Wie für eine Veranstaltung der Größe Olympischer Spiele veränderte Valencia sein Gesicht, und das Ergebnis der drei Jahre langen Bemühungen auf der Großbaustelle kann sich sehen lassen. Insgesamt zwei Milliarden Euro wurden von Stadt und Region in den massiven Ausbau der Infrastruktur investiert. Vom Flughafen über Metro und Straßenführung bis hin zur Umgestaltung ganzer Stadtviertel inklusive Sanierung historischer Gebäude und Baudenkmälern oder Ausbau der vorhandenen Hotelkapazitäten.
Die beeindruckendste und offensichtlichste Veränderung hat jedoch der „alte Hafen“ erfahren. Das ehemalige „Puta-Viertel“(Hurenviertel), direkt hinter dem größten Containerhafen Spaniens mit all seinen unangenehmen Randerscheinungen, verwandelte sich von einem missachteten, dreckigen Quartier zu einer strahlenden Flaniermeile. Heute steht hier eine Art Amphitheater des Segelsports, das auch Nichtsegler inzwischen anzieht – ein Freizeitpark am Wasser: mit den zwölf Teamunterkünften, dem neuen Kanal zum Meer, den beiden neuen Marinas südlich und nördlich des Kanals, der exklusiven Anlegestelle für die Superyachten der Superreichen, dem preisverdächtigen Architekturkunstwerk von David Chipperfield an der Hafenausfahrt für die VIP, den langgezogenen Grünanlagen und den zahlreichen Restaurants und Geschäften. Und selbst die Valencianos, die dem Meer bislang eher den Rücken kehrten und im Allgemeinen nur ein geringes Interesse am Segelsport pflegen, haben den America´s Cup Park entdeckt, und der standardmäßige Sonntags-Familienausflug führt immer öfter hier hinunter. Nicht zuletzt aus patriotischen Gründen, um das heimische Team „Desafio Espanol 2007“ lautstark und voller Leidenschaft anfeuern zu können, so wie die Menschen es eigentlich bisher nur vom Fußball her kannten im alten Estadio Mestalla beim FC Valencia.
Die Stadt, die am Fluss Turia gegründet wurde, öffnet sich langsam zum Meer. Den Anfang macht die „Stadt der Künste und der Wissenschaften“, ein Komplex futuristischer Gebäude des hier angesiedelten Stararchitekten Santiago Calatrava, mit Planetarium, Museum und Oceanografico, dessen Krönung der Palau des Arts (Oper- und Musikhaus) mit seinem freischwebenden Dach darstellt. Hier wurden die Farbe des Wassers und das Licht (Valencia wird auch als die Stadt des Lichtes bezeichnet) in die Architektur integriert. Der Hafen ist die konsequente Fortsetzung, die Bauarbeiten können jedoch erst nach dem America´s Cup weitergeführt werden, wenn das Viertel El Grau zwischen Ciudad de las Artes y Sciencias und Hafen seine neue Bestimmung finden und mit dem Projekt „Valencia del Mar“ die Anbindung zur Stadt abgeschlossen wird. Damit will Rita Barberá vorbeugen, dass die Investitionen in eine Sportveranstaltung keine Bauruinen und untragbare Altlasten für die Stadt hinterlassen.
Die Details sind aber unklar. Wird das Viertel, dessen Gestaltung das deutsche Architekturbüro Gerkan, Mark und Partner sowie der Franzose Jean Nouvel übernehmen, eine exklusive Wohngegend mit luxuriösen Appartements - oder wird ein Geschäftszentrum entstehen? Auch der Zeitpunkt ist ungeklärt. Drei Monate nach dem America´s Cup sollten eigentlich die Unterkünfte und Hallen der Teams ursprünglich wieder freigegeben werden. Einige Crews haben ihre Verträge aber schon verlängert, wie die Deutschen bis Sommer 2008.
Und was passiert, wenn ein weiterer America´s Cup in Valencia stattfinden soll? Fragen, die Rita Barberá mit Nachdruck gestellt werden und deren Beantwortung dringlich ist, da am 27.Mai in Valencia neu gewählt wird. Wirklich Sorgen muss sich die resolute Bürgermeisterin allerdings nicht machen; einerseits ist eine Alternative zu ihrer Partei derzeit nicht erkennbar, und andererseits entkräftet der bisherige Erfolg des Cups die Argumente der Kritiker, die die Gelder lieber in Schulen, Bibliotheken oder Schwimmbäder investiert hätten.
Der Milliarden-Investition für den Cup stehen laut dem spanischen Zentrum für wirtschaftliche Studien angeblich 3,66 Milliarden Euro Rückfluss allein an Valencia bis 2015 gegenüber. Und so wird Rita Barberá mit ihrer konservativen PP wohl auch künftig weiter steigende Wirtschaftszahlen vermelden und mit 300 Sonnentagen im Jahr sowie mit Prestigeobjekten locken können. Valencia schwingt sich auf, ein international beachteter Punkt auf der Landkarte zu machen.
Copyright Text Heike Schwab – Frankfurter Allgemeine Zeitung / FAZ – 13.April 2007



