Heike Schwab   |   Freelancer Photografie & Journalismus

Seahorse (engl. - monatl. - Segelpresse)

Chris Dickson – hat sein Traumteam gefunden

Wenn Sie auf die Saison 2006 und die Acts zurücksehen, wie beurteilen Sie Ihre Position im AC-Zirkus? Sind Sie zufrieden, wo Sie jetzt stehen?
Wir sind für 2007 auf dem richtigen Weg, wenn man den Verlauf der Louis Vuitton Acts 2006 berücksichtigt. Die Saison 2006 war ein wichtiges Jahr in unserer Kampagne. Wir haben die USA 87 vom Stapel gelassen, die Erste von unseren zwei neuen AC-Yachten. Die USA 87 hat 31 Rennen bestritten und verzeichnet nahezu 350 Segelstunden seit dem Stapellauf. Sie ist die innovativste America´s CupYacht der 2006 Generation und wir freuen uns schon auf die weiteren Fortschritte am zweiten neuen Boot im nächsten Jahr.
Wir hatten in 2006 einige großartige Siege auf dem Wasser, nicht nur beim Louis Vuitton Act 10. Wir hatten auch im Match Race Zirkus Erfolg, mit mehreren Schlüssel-Siegen im Sommer (Trombini, Portugal, Trieste, Spanish Open). Außerdem haben wir mit dem German Sailing Grand Prix die America´s Cup Regatten zum ersten Mal nach Deutschland gebracht, ein fantastisches Event sowohl auf dem Wasser als auch an Land. Der Ansturm des deutschen Publikums war enorm und hat uns gezeigt, wie sehr es honoriert wird, America´s Cup Racing an Orten auszutragen, die so eine historische Segelkultur haben wie Kiel.

Die “Großen Vier” sind sehr dicht beisammen, ist das für Sie erleichternd, da Sie einer davon sind oder eher beängstigend, da nicht der kleinste Fehler verziehen wird? Hatten Sie erwartet, dass die Rennen so eng sind?
Mit der America´s Cup Regel Version 5 wussten wir immer, dass die Rennen eng werden.
Belohnt werden demzufolge Leistungssteigerungen, die in den Grenzbereichen von Design und Entwicklung zu finden sind und auf dem Wasser wird sich die Teamarbeit mit fehlerlosen Crew Manövern und punktgenauer Strategie auszeichnen. Die Tatsache, dass die Top-Gruppe die anderen etwas zurückgelassen hat, ist befriedigend und bestätigt, dass wir unsere Zeit gut genutzt haben. Die Tatsache, dass wir hier nicht alleine sind, zeigt, dass es richtig war unseren Wettbewerbern immer den größten Respekt entgegen zu bringen. Enge Rennen sind für uns an Bord viel spannender und halten sicherlich auch den Druck hoch, aber es ist auch für unsere Sponsoren, Fans und die Medien viel interessanter, und liefert “großes Fernsehen”. Deshalb sind wir damit absolut zufrieden.

Sie haben Mitglieder aus 16 Nationen in Ihrem Team, und auch andere Teams sind sehr international geworden, fühlen Sie sich dennoch wie in einem amerikanischen Team? Ist es überhaupt noch richtig über nationale Teams, wie amerikanisch, italienisch oder südafrikanisches Team zu sprechen? Oder kann man auf so hohem Segelniveau ohnehin nicht an nationale Teams denken?
Die Regeln zu den Nationalitäten wurden als kostensparende Maßnahme gelockert, was ein guter Schritt war. Wir sind ein internationales Team und weltweites Unternehmen, aber letztendlich repräsentieren wir den Golden Gate Yacht Club San Francisco (USA) als Challenger of Record. Dennoch kann jeder von uns als Individuum stolz sein, sein Heimatland zu repräsentieren. Als Neuseeländer bin ich stolz, mit der neuseeländischen Flagge am Ärmel zu segeln. Jeder aus unserem Segelteam segelt mit der jeweiligen eigenen Nationalflagge am Arm, was hilft diesen nationalen Stolz zu bewahren.

Der America´s Cup ist nur etwas für Leute mit viel Leidenschaft. Lange Arbeitstage sind ganz normal. Wie motivieren Sie sich und Ihr Team jeden Tag aufs Neue?
Die Meisten in unserem Team haben Erfahrung mit dem America´s Cup und kennen das Leistungsniveau, das nötig ist um erfolgreich zu sein. Und deswegen sind wir hier. Jeder Tag ist ein neuer Tag um Leistungssteigerungen zu erzielen und bringt uns einen Schritt näher an unser gemeinsames Ziel, den America´s Cup in 2007 zu gewinnen. Ich glaube, ich bin noch an keinem Tag vom Segeln zurückgekommen, an dem ich nichts gelernt habe. Wir versuchen unsere langen Arbeitstage mit ausreichend freien Tagen auszugleichen, sodass die Team-Mitglieder Zeit für ihre Familien haben und den eigenen Akku aufladen können. Die Familien sind ein wichtiger Teil unseres Teams und wir tun unser Bestes um sie glücklich zu machen. Ohne die Unterstützung von zu Hause könnten wir die vielen Stunden bei BMW ORACLE Racing nicht bewerkstelligen.

Einige Teams nutzen den internen Wettbewerb um die Team-Motivation aufrecht zu erhalten. BMW ORACLE Racing nutzt dieses Prinzip bei der Crew ebenfalls. Gibt es auch für Ihre Position einen Konkurrenten? Oder ist die Entscheidung Chris Dickson am Steuer in 2007 bereits gefällt?
BMW ORACLE Racing ist ein Team aus erstklassigen Leistungsträgern. Wenn irgendjemand nicht mehr die beste Leistung bringt, werden wir nach Möglichkeiten suchen, wie wir das verbessern können. Wenn Änderungen nötig sind, werden wir sie vornehmen. Durch Selbstgefälligkeit wird man den Cup sicherlich nicht gewinnen. Aber nachdem wir nun drei Jahre zusammen sind, würde ich in unserer Wettkampf-Mannschaft nicht zu viele Änderungen erwarten. Ich werde weiterhin Skipper sein – bis zum Ende dieser Kampagne.

Was glauben Sie, macht Ihr Team besser als die anderen, insbesondere Alinghi und auch die anderen Teams, mit denen Sie bisher um den AC segelten, dass Sie überzeugt sind, dieses Mal den Cup zu gewinnen?
Dank des frühen verbindlichen Engagements von unserem Team-Eigner Larry Ellison und unserem Partner BMW konnten wir die Schlüsselpersonen schon früh in die Kampagne holen und mit dem Forschungs- und Entwicklungsprogramm beginnen. Die Menschen machen am Ende den letzten Unterschied. Und unser Gefühl sagt: Wir haben die Besten in allen Spezialgebieten. Ebenfalls im Zuge der frühen Zusagen konnten wir unsere Zeit und unser Geld sorgfältig investieren und hatten so einen wesentlich größeren Nutzen von dem Geld und für den Aufwand, den wir eingesetzt hatten.

Sie sagten einmal (interview sailing anarch 2003): „eine gute Kampagne ist kapitalkräftig, hat eine eindeutige Führung, ein starkes Management, keine konkurrierenden Egos und keine privaten Programme”. Wie erfüllt BMW ORACLE Racing diese Anforderungen? Und würden Sie sagen, dass Sie mit diesem Team das Team Ihrer Träume gefunden haben?
Danke, dass Sie mich daran erinnern und ich bin sehr stolz und zufrieden, dass ich sagen kann: Ja.
Wenn ich jemals ein Dream Team gehabt habe, ja, dann ist es dieses. In allen Bereichen haben wir die Leute, die talentiert, erfahren, engagiert und Team-Player sind. Wir haben die notwendige Unterstützung von unseren Partnern und Sponsoren. Der Wettbewerb ist hart, aber dieses Team ist auf dem richtigen Weg dorthin, wo wir in 2007 sein wollen.

Geld ist ziemlich wichtig im Cup-Zirkus, Zeit ist es ebenso. Was ist Ihrer Meinung nach wichtiger und was hat den größeren Einfluss auf die Ergebnisse der Regatten?
Geld ist nur der Eintritt; die Wettbewerbsfähigkeit kostet zwar Geld, aber mit Geld kann man sich nicht den Erfolg kaufen und sicherlich auch nicht die Zeit - nun ja, diese vielleicht ein klein wenig. Denn Geld erlaubt die bestmögliche Nutzung der Zeit und die beste Entwicklung des Teams. Wir haben das erreicht. Der America´s Cup ist extrem herausfordernd. Er ist so viel mehr als nur ein Segel-Wettkampf. Man muss viele Wettläufe gewinnen um den America´s Cup gewinnen zu können. Man muss den Wettlauf um das Kapital gewinnen, den Design-Wettlauf, den Technologie-Wettlauf und das Management-Rennen, bevor man überhaupt zum Segel-Rennen kommt. Es ist sehr komplex. Dies und zusätzlich die lange Geschichte und Tradition des America’s Cup machen ihn zum wertvollsten Preis in diesem Sport.

Konnten Sie das neue Boot von Alinghi schon beim Segeln sehen? Hat es Ihnen etwas verraten, worauf Sie reagieren müssen?
SUI 91 sieht aus wie die Verschmelzung von zahlreichen Stärken des Titelverteidigers. Inzwischen arbeiten die Challenger hart um spezielle und innovative Designs zu entwickeln. Wir werden erst im America´s Cup sehen, welches Team sich durchsetzen konnte, aber unser strategischer und technischer Weg ist stark. Wir beobachten unsere Wettbewerber aufmerksam, haben aber bislang nichts gesehen, was uns von unserem Weg abbringen würde.

War Valencia eine gute Wahl für den America´s Cup? Der Wind ist manchmal etwas leicht, wäre es mit härteren Bedingungen nicht interessanter?
Teil der Herausforderung ist es, die Optimierung für Bedingungen in jeglichem Segel-Umfeld zu erreichen, egal ob leichte oder stärkere Brise, flache oder steile Wellen. Am Ende müssen wir auf dem Wasser und im Wind segeln und das andere Boot schlagen. Die Kopf-an-Kopf-Rennen, die wir in diesem Louis Vuitton Cup sehen werden, werden bei allen Bedingungen spannend sein.
Als Austragungsort hat Valencia enorme Investitionen in die Infrastruktur gesteckt, die ein Weltklasse-Event in 2007 versprechen.

Das neue Format des AC mit den Acts in Europa wurde kreiert um den AC mehr publik zu machen, aber es ist auch teuer und kostet viel Test- und Trainingszeit. Wie ist bislang das Echo? Hat das Format sein Ziel erreicht?
Das Konzept der Acts in dieser neuen Ära des Cups hat bewiesen, dass es überaus erfolgreich ist. Wir haben mehr America´s Cup Rennen in mehr Ländern als je zuvor in der Geschichte des Cups ausgetragen. Mehr als 1,5 Millionen Menschen haben die Tore des America´s Cup Parks seit Louis Vuitton Act 1 in Marseille in 2004 passiert. Auf unserer eigenen Team-Base in Valencia haben wir seit deren Eröffnung im März mehr als 120.000 Besucher begrüßt. Das neue Konzept, die Regatten zu den Menschen zu bringen, ist die Zukunft des America´s Cup. Für dieses neue Format haben wir, als Challenger of Record, im Interesse der Herausforderer hart gekämpft. Nach drei Jahren können wir zufrieden sagen, dass es ein riesiger Erfolg war, all diese Regatten zu veranstalten.

Denken Sie auch über die Zeit nach dem 32. America´s Cup nach? Wie lange können Sie sich vorstellen um den Cup zu segeln, wenn es Ihre Wahl ist?
Das ist zu weit des Weges. Zunächst kommt jeweils ein Tag nach dem anderen, jeweils ein Rennen nach dem anderen – bis zum 32. America´s Cup.

Copyright Heike Schwab - Seahorse Dezember 2006

 
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