Heike Schwab   |   Freelancer Photografie & Journalismus

Des einen Leid, des anderen Freud

Die Alternativen zum America´s Cup: TP52 profitiert

Der anhaltende Gerichtsstreit um den 33.America´s Cup lässt Glanz und Glorie der weltberühmten Trophäe mehr und mehr verblassen. Die Beteiligten sind enttäuscht und genervt und haben sich größtenteils damit abgefunden, dass sie im Moment zum Abwarten und „Nichts tun“ verdammt sind, bis eine richterliche Entscheidung den egoistischen, kindischen und destruktiven Zwist zwischen Bertarelli (Eigner "Alinghi") und Ellison (Eigner "BMW Oracle Racing") beendet. Zwar wird im Hintergrund leise weiter gekämpft und mehrere potentielle Herausforderer, auch United Internet Team Germany, versuchen mit unabhängigen und eigenständigen Acts, noch in 2008, das Interesse an der Silberkanne aufrecht zu erhalten, die Situation ist jedoch nach wie vor von Ungewissheit und unsicheren Absichten geprägt. „Wir wissen nicht wohin die Reise geht“ fasst es Tim Kröger, ehemals Team Shosholoza und seit November 2007 United Internet Team Germany, nüchtern zusammen. Der America´s Cup hat im Laufe seiner langen Geschichte schon viele Höhen und Tiefen durchlebt und wird auch diese „Krise“ überstehen, genauso wie schon das erste Missmatch 1988 in San Diego. Bis es soweit ist und der Cup zu neuen Hochformen auflaufen kann, profitieren von der zwangsläufigen Abwanderung jedoch Andere. Die unfreiwillig freigestellten Teams (zwischen 60 – 150 Pers.je Kampagne), egal ob Segel- oder Shore-Crew, suchen gezwungenermaßen nach alternativen Beschäftigungsmöglichkeiten, die sie in anderen Bootsklassen finden. Und die etwa 300 hochkarätigen Segler und Segelstars (durchschnittlich 30 Segler von 10 Teams) wollen auch ohne Cup weiter auf hohem Niveau gegeneinander antreten und ziehen Fans, Medien und damit auch Sponsoren nach.
Am meisten Zulauf aus dem AC findet der sogenannte „kleine America´s Cup“, der MedCupCircuit der TP52. Ein geringerer Material- und Finanzaufwand, aber die gleichen personellen Anforderungen wie beim „großen Bruder“, haben dieser Klasse ihren Spitznamen eingebracht. Es sind dieselben Namen, dieselben Gesichter wie im AC, die hier aufeinander treffen. Als Breitling MedCupTP52 begann diese Klasse erst vor 4 Jahren mit der Unterstützung des spanischen Königs, Juan Carlos I. de Borbón, ihre Ära im Mittelmeer. Schnell hat sie überraschend viele Anhänger gefunden und in 2007 drängelten sich bereits 24 Boote an der Startlinie der Fleetraces. Seit Beginn 2008 trägt die Regatta-Serie den Namen: Audi MedCup Circuit, nach dem neuen Hauptsponsor, der Audi AG aus Ingoldstadt.
Eine TP52 wird mit 14 Mann manövriert und ist daher auch eine ideale Trainingsmöglichkeit für eine AC-Crew. Hier kann das Team-work auch unter Wettkampfbedingungen verbessert werden. Und als letzten Sommer das 2-Boot-training für die neuen AC90 ausgeschlossen wurde, dachten mehrere AC-Kampagnen über ein 2-Boot-Engagement bei den TP52 nach. BMW Oracle Racing hält voraussichtlich an dieser Strategie fest. Alinghi zeigt keine diesbezüglichen Ambitionen als Mannschaft, jedoch werden die Segler in den verschiedensten TP52-Teams zu finden sein. Die Spanier, Desafio Espanol, bauen in ihrer valencianischen Base derzeit eine eigene TP52, die Paul Cayard steuern wird. Das deutsche Team, United Internet Team Germany, hat sich mit dem Hamburger Harm Müller-Spreer zusammen getan. Seine Platoon geht bereits in die 3.te Saison und seine Mannschaft besteht in 2008 überwiegend aus Seglern des AC-Teams, das Jochen Schümann für die deutsche Kampagne zusammengestellt hat. Gemeinsam werden Schümann und Müller-Spreer, wie schon im August 2007, eine neue Platoon, aus der Feder von Rolf Vrolijk, durch das Feld steuern. TP52-Yachten werden nach der Box-Rule gebaut und lassen den Designern ähnlich kleine Spielräume wie im AC. Insgesamt sollen 8 neue Boote in 2008 am Start sein, darunter auch die Mutua Madrilena mit dem Italiener Vasco Vascotto von Mascalzone Latino Capitalia an der Pinne und Dean Barker als Steuermann der königlichen Yacht Bribón. Die vorläufige Meldeliste des Audi Medcup 2008 umfasst bereits 20 Teams, die in Alicante / Spanien, Marseille / Frankreich, Cagliari /Sardinien, Puerto Portal / Mallorca, Murcia / Spanien und Portimao / Portugal von Mai – September um ihren Champion wetteifern werden. Und obwohl der Medcup Circuit eine europäische Regatta-Serie ist, was auch die Reise- und Transportkosten im überschaubaren Rahmen hält, gilt er wegen der internationalen Teilnehmer als die weltweit führende Regatta von Kielyachten.
Die TP52 segeln allerdings nur Fleet-Races aus eintägigen Küstenrennen und mehreren Regatten um Lee- und Luvtonnen. Für das Match Race Training bedarf es anderer Formate. Davon profitiert beispielsweise die World Match Racing Tour 2008. Während 10 Events von April bis Dezember um den ganzen Globus werden die „Rockstars“ der Match Race Szene bei diesen Wettkämpfen erwartet. Die Boote, immer der One-Design-Regel folgend, sind allerdings deutlich kleiner als im AC und werden meist mit 4-6 Mann gesegelt. Für das Mannschaftstraining daher eher ungeeignet. Aber, der America´s Cup ist ein Match Race und 80% aller Match Races werden bereits beim Start entschieden. Und ein guter Start hängt sehr von einer gelungenen Taktik ab, die gar nicht genug geübt werden kann. Anfang Mai (08.-12.05.08) gastiert die World Match Racing Tour 2008 in Langenargen am Bodensee und bietet die Möglichkeit das Schachspiel auf dem Wasser aus nächster Nähe zu betrachten.
Auch die RC44, das Rennboot von Russell Coutts und Andrej Justin, zählt inzwischen mehr als 10 Boote und zieht durch die Mischung aus Match- und Fleet – Race Profis wie James Spithill und Dean Barker an. In einem neuen Team, Sea Dubai des DIMC (Dubai Int.Marine Club) segeln während des Dubai Gold Cup im März 2008 erstmals auch die Deutschen Markus Wieser und Matti Paschen auf einer RC44. Das sehr physische Boot ist allerdings nur in begrenztem Umfang eine Alternative für AC-Segler, da immer nur 4 Profis laut Klassenregel an Bord sein dürfen und es damit vorrangig für die „Match - Starter“ von Interesse ist.
Zwei weitere 40-Füßer profitieren ebenfalls von dem „ruhenden America´s Cup“, die GP42, wie die RC44 eine sehr junge Bootsklasse und die FARR 40, eine sehr alt eingesessene Klasse mit einem entsprechend großen Feld.
Die GP42 segeln auch nur im Mittelmeer und erst seit letztem Jahr. In 2008 sind immerhin schon 12 Teams à 10 Mann bei 6 Events in Italien, Frankreich, Spanien und Portugal dabei. Deutsche Segler haben die Vorzüge dieser Klasse bislang allerdings noch nicht für sich entdeckt. Sie bevorzugen die traditionelle FARR 40, die schon lange auch in Deutschland viele Anhänger hat und weltweit Regatten ausrichtet, die für Segler wie Zuschauer gleichermaßen interessant sind.
Der große Gewinner des Streites um den America´s Cup ist allerdings unumstritten der 2008 Audi MedCup Circuit TP52. Es sind die schnellen und wendigen Boote, die Größe der Mannschaften, das Format, die Austragungsorte und nicht zuletzt das hohe Niveau, auf dem sich hier wieder Amercia´s Cup Segler miteinander messen können. Eine gute Vorbereitung, um die Auszeit des AC zu nutzen und in 2011 wieder am Ball zu sein, wenn der nächste „Große“ Cup erwartet wird.

Copyright Heike Schwab - Heft 4 / April 2008 www.segler-zeitung.de

 
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