Es wird an den Grundwerten gerüttelt
Es wird an den Grundwerten gerüttelt
Der America´s Cup, die älteste Sporttrophäe der Welt, älter als die olympischen Spiele der Neuzeit, soll modernisiert werden. Das Deed of Gift, die Gründungsurkunde des Events und einzige Konstante der weltberühmten Segelveranstaltung, scheint nicht mehr zeitgemäß, jedenfalls glaubt das Ernesto Bertarelli, Eigner des schweizer Teams Alinghi und aktueller Verteidiger der begehrten Kanne und er steht damit nicht allein. Auch der Amerikaner Larry Ellison, mit seinem Team BMW ORACLE Racing, sowie der New York Yacht Club, der Club, der den America´s Cup geboren hat, sehen Verbesserungsmöglichkeiten im Deed of Gift. Nun, die Stiftungsurkunde wurde am 24.Oktober 1887 geschrieben und manifestiert die Bedingungen, unter denen die Silberkanne damals dem New York Yacht Club übergeben wurde. Georg L.Schuyler (geb.1811), Zeit seines Lebens leidenschaftlicher Segler, Eigner des Cups und letzter Überlebender der Siegesmannschaft der Yacht AMERICA, die 1851 die Trophäe von England in die USA holte, verfasste zusammen mit dem damaligen Commodore des NYYC, Elbridge T.Gerry, ein Dokument, auf dessen Basis künftig um die Trophäe gesegelt werden sollte und die der Grundstein des heute so berühmten America´s Cup ist. Das Deed of Gift enthält Eckdaten zu den möglichen Booten für die Regatta, klare Bedingungen, die ein fordernder Yachtclub erfüllen muss und mehrere Fristen (z.B. zwischen dem 01.November und dem 01.Mai soll keine Regatta gesegelt werden) sowie einige Regeln für den Wettkampf, die eingehalten werden müssen. Der Grundtenor ist ein Gentlemen Agreement zwischen den betroffenen Parteien im Rahmen des Deed of Gift, um sich in einem fairen Wettkampf zu messen. So steht gleich nach den juristischen Formalien der Leitsatz des Deed: “This Cup is donated upon the condition that it shall be preserved as a perpetual Challenge Cup for friendly competition between foreign countries” (Dieser Cup wird unter der Bedingung übergeben, dass er als ein immer währender Herausforderer Cup für den freundlichen Wettkampf zwischen fremden Ländern gewahrt wird). Zeitgemäß ging es um den Wettbewerb zwischen verschiedenen Nationen, die ihre Stärke im Yachtbau demonstrieren wollten. Der „freundliche Wettbewerb“ sollte durch den „mutual consent“ = das gegenseitige Einverständnis bei der Festlegung der detaillierten Regeln der jeweiligen Regatta zwischen Verteidiger und Herausforderer gesichert werden. Fehlt dieses Einverständnis, legt das Deed fest: 3 Rennen werden gesegelt und dem Sieger von 2 Regatten wird der Cup zugesprochen. Das Revier wählt der Verteidiger, und es soll für jegliche Boote mit einem Tiefgang bis zu 6,70 (22 feet) geeignet sein. Wann das Revier gewählt und bekannt gegeben werden muss, steht da allerdings nicht. Details dieser Art sind in der Urkunde nicht enthalten. Vergessen? Als nicht wichtig vernachlässigt ? Oder wegen des Langzeitcharakters offen gelassen? Das Deed of Gift setzt nur Eckdaten fest und ist die tragende Säule des Events. Es lässt aber gleichzeitig große Spielräume, die es jedem Sieger des Cup ermöglichen, SEIN Event zu gestalten. So konnte z.B. Ernesto Bertarelli nach seinem 1.Sieg in 2003 die Acts und das Fleet-race einführen, was dem Cup bereits ein neues Gesicht gab. Der Erfolg des 32.America´s Cup bestätigt die Änderungen und ermutigt zu weiteren Modernisierungen, wie der neuen, geplanten und deed-konformen Bootsklasse AC90. Aber wie viel Moderne kann die traditionelle Trophäe, eine ihrer Stärken, verkraften ohne ihren speziellen Charakter zu verlieren und damit auch ihre Zugkraft? So hinterfragt Bertarelli beispielsweise, ob der Sieger des Cups sich automatisch für das America´s Cup Match qualifizieren sollte, oder ob nicht besser alle Teams mit den gleichen Bedingungen starten sollten? Dann wäre der Cup allerdings kein klassisches Duell mehr und würde sich, was die traditionellen Vertreter des Cups befürchten, nur zu einer gewöhnlichen Regatta, einer unter vielen, reduzieren. Außerdem drängt sich die Frage auf, ob eine Reform mangelnde Kompromissbereitschaft und fehlende Entscheidungen ausgleichen kann?
Eine echte Schwachstelle des Cups ist seine „Neugestaltung“ mit jedem Sieger und die kontinuierlichen Planungsunsicherheiten nach jedem Event, die allerdings auch seine Vielfalt ausmachen. Ein Segelevent dieser Größenordnung ist jedoch heute ohne Sponsoren und Medien nicht mehr zu bewältigen, von daher der Wunsch nach regelmäßigen Zyklen und rechtzeitiger Festlegung der Austragungsorte verständlich und zur Sicherung der nötigen Mittel unausweichlich. Aber wer soll die neuen Regeln für den modernen künftigen Cup festlegen? Der aktuelle Verteidiger mit dem Gründerclub New Yorks? Unter Einbeziehung der Herausforderer? Und wenn ja, welche? Die gemeldeten Herausforderer des laufenden Zyklus oder auch diejenigen, die ein potentielles Interesse nachweisen können? Modernisierung fordert demokratische Entscheidungen. Und wie viel Rechte ist der Eigner des Verteidigers bereit abzutreten? Es ist offensichtlich, dass dieser Prozeß einige Zeit in Anspruch nehmen wird, trotz breiter Zustimmung. Möglicherweise hätte Bertarelli diese Visionen auch während seiner Ära 2003-2007 bereits in Gang setzen sollen und nicht erst, nachdem das Deed of Gift seine Pläne für den 33.Cup durchkreuzt hat.
Der 33.Cup ist der Cup, der an dem Formfehler von Alinghi (ungewöhnlich in dieser Liga) bei der Wahl des Challengers of Record am meisten leidet. Der Griff des Verteidigers nach den Sternen muss seinen Blick vernebelt haben und die Ereignisse der letzten Monate, die anhaltenden Verzögerungen bei der Festlegung der Fakten zum 33.Cup auch nach dem Gerichtsurteil von New York im November 2007, machen es dem Betrachter schwer, an die Bereitschaft zu „einem freundlichen Wettkampf“ zu glauben. Und der avisierte, große Event, mit noch mehr Herausforderern wie in 2007, droht immer deutlicher zu einem Zweikampf zwischen Verteidiger und dem einzigen rechtmäßigen Herausforderer BMW Oracle Racing zu „verkommen“. Appelle und Bitten der beteiligten Teams konnten Alinghi nicht für eine Einigung mit dem CoR noch in 2007 bewegen. Ein neuer Gerichtstermin am 14.Januar 2008 soll mehr Klarheit bringen, doch dies wurde in der Vergangenheit wiederholt erfolglos angekündigt. Wer kann sich darauf verlassen? Erste Teams planen bereits um. Das britische Team Origin hat noch vor der Weihnachtspause die Umgestaltung seiner Pläne und Aktivitäten mit Fokus auf 2011 bekannt gegeben, da das Team diesen Zeitpunkt als wahrscheinlich für eine umfangreiche Herausforderer-Serie einschätzt. Ebenso hat Desafio Espanol noch in 2007 die Belegschaft gekürzt, ohne neue Ziele anzugeben. Die Herausforderer werden auf eine harte Probe gestellt, denn die Unsicherheit und Ungewissheit im Cup hält weiter an. Wie lange können die Sponsoren gehalten werden? Wie lange die Budgets gestreckt werden? Und Zeit spielt bei den advokatischen Winkelzügen eine erhebliche Rolle. Erfolgt im Januar 2008 ein verbindliches Gerichtsurteil, muss 10 Monate später gesegelt werden, aber nicht zwischen dem 01.November und 01.Mai, laut Deed of Gift. Damit verschiebt sich schon der Zweikampf auf einen Zeitraum nach dem 01.Mai 2009 oder es wird auf der südlichen Halbkugel gesegelt (Auslegung des Deed). Es gibt keinen festen Zeitpunkt, wenn Alinghi dem Herausforderer das Revier des Duelles nennen muss, was ein spezifisches Bootsdesign extrem erschwert, die Schweizer haben damit einen großen Vorteil, insbesondere da auch alle Rennen des Matches mit ein und demselben Boot gesegelt werden müssen. Ist Alinghi damit schon vor dem Startschuss auf der Überholspur? Wo bleibt der „freundliche Wettkampf“?
Doch egal wie der 33.Cup ausgeht, mit großer Wahrscheinlichkeit leider nur ein Zweikampf, eines scheint unabhängig davon sicher zu sein: sowohl Alinghi als auch BMW ORACLE Racing wollen den 34.America´s Cup in Valencia aussegeln. Abwarten, ob das Morgen noch gilt.
Copyright Heike Schwab - Heft 2 / Februar 2008 www.segler-zeitung.de



