Wer ist der wahre Herausforderer? Drei Kandidaten
Der Challenger of Record im America´s Cup hat die Aufgabe die Interessen aller Herausforderer (Challenger) als deren Sprecher gegenüber dem Verteidiger zu vertreten und dazu beizutragen, dass die berühmteste Segelregatta der Welt sportlich fair und korrekt und in gegenseitigem Einvernehmen mit allen Beteiligten organisiert und ausgetragen werden kann. Dem Verteidiger der Kanne steht zwar das Siegerrecht der Neugestaltung des nächsten Events zu, jedoch kann er neue Ideen, Visionen und Inhalte nur mit der Zustimmung des überzeugten Challenger of Record (CoR) umsetzen. Zugute kommt dem Verteidiger dabei, dass er seinen „Gegenspieler“ selbst wählt. Noch während der letzten Regatten des laufenden America´s Cup finden daher etliche geheime Gespräche statt, in denen der vermeintliche, künftige Verteidiger versucht, einen potentiellen Herausforderer zu finden, der ähnliche Ansichten über die Entwicklung des America´s Cup hat, wie er selbst. Denn ist die Trophäe gewonnen und ein „passender“ Verhandlungspartner gefunden, stehen die Zeichen für den nächsten Cup nach eigenen Vorstellungen auf grün. Auf den CoR kommt dann keine leichte Aufgabe zu, denn er muss sowohl die Interessen der Herausforderer inklusive seiner Eigenen wahren, als auch die neuen Wege des Verteidigers mit unterstützen. Der Lohn für diesen Spagat zwischen den Parteien ist der bedeutende Einfluss, den der CoR auf die Gestaltung des Cups hat und wohl deshalb ist er auch begehrt. Alinghi hatte nun für den 33.Cup „seinen willigen“ Partner in Desafio Espanol gefunden, ein gemeinsames Protokoll erstellt und eigentlich hätte man direkt mit der Organisation des 33.Cup beginnen können. Wenn da nicht die Frage um die Legitimität des herausfordernden Yachtclubs, dem CNEV, und das Ungleichgewicht des Protokolls aufgetaucht wäre. Der CoR spielt wegen seinem Einfluss auf den Cup eine große Rolle, da ist es nicht überraschend, dass er strenge Bedingungen zu erfüllen hat, die im Deed of Gift verankert sind. Der CNEV erfüllt diese Bedingungen laut New York Supreme Court vom 27.November nicht und Alinghi steht in der Konsequenz ohne Challenger of Record da. Die fatale Folge für die Schweizer: Jedes beliebige Team kann nun den Verteidiger zum direkten Duell fordern, die Wahl der Waffen, das Boot, bestimmen und ohne sich gegen andere Herausforderer durchsetzen zu müssen, in zwei, maximal drei Matches den Kampf um die silberne Kanne aufnehmen. BMW ORACLE Racing ist dieses Team, das Alinghi zu einem solchen Zweikampf fordert und per Deed of Gift damit auch die Rolle des CoR übernimmt. Allerdings ein CoR, der mangels Herausforderer-Serie, nur seine eigenen Interessen vertreten kann, was zunächst nicht im Sinne von BMW ORACLE Racing war, die direkt nach Abweisung des CNEV versuchten mit Alinghi das berühmte, gegenseitige Einvernehmen zu erzielen. Leider ohne Erfolg. Statt dessen wird inzwischen auch die rechtmäßige Herausforderung von BMW ORACLE Racing in Frage gestellt. Vorwurf an die Amerikaner: das Boot des Duelles ist nicht präzise beschrieben. Längen- und Breitenmaße lassen einen Mehrrümpfer vermuten, der aber per Definition keine Kielyacht, wie im Text genannt, sein kann. Zu den beiden umstrittenen CoR gesellt sich nun ein Dritter. Die englische Kampagne, Team Origin, fordert den Verteidiger Alinghi, wie zuvor BMW ORACLE Racing (BOR), zum Duell nach dem Deed of Gift auf AC90-Kielyachten. Bleibt der CNEV illegal und fällt auch BOR einem Formfehler in der Herausforderung zum Opfer, wird Team Origin der rechtmäßige CoR. Auch die Engländer würden gerne mit Alinghi verhandeln, um in 2011 einen großen Cup mit einer umfangreichen Herausforderer-Serie zu gestalten. Diese Entscheidung fällt jedoch allein der Verteidiger, der sich zwar einem Duell beugen muss, wenn er nicht rechtzeitig einen CoR und ein entsprechendes Protokoll vorweist, aber zu keiner einvernehmlichen Einigung, wie das Wort schon sagt, gezwungen werden kann. Der 33.Cup, mit seinen drei CoR-Kandidaten, ist nicht der erste Cup, bei dem es Wirren um diese Position gibt. 1987 in Fremantle konnte der Royal Perth Yacht Club sogar aus mehr als drei Bewerbern seinen CoR wählen. Und 1974 beispielsweise, in Newport / USA, wurde der Royal Thames Yacht Club aus London als CoR nominiert und akzeptiert, hatte dann aber keine Kampagne zusammenstellen können.
Bislang hält Alinghi an seinem gewählten CoR, dem CNEV mit Desafio Espanol, fest und wird wohl nur auf ein Deed of Gift Duell eingehen, wenn sein „Sparingspartner“ gerichtlich vom Verhandlungstisch verbannt wird.
Copyright Heike Schwab - Heft 3 / März 2008 www.segler-zeitung.de



